Das wahre Geschäftsmodell Ihres Fitness-Trackers ist nicht der Verkauf des Geräts, sondern die Verwertung Ihrer intimen Gesundheitsdaten.
- Der Serverstandort (EU/USA/China) ist aufgrund von Gesetzen wie dem CLOUD Act entscheidend für den Schutz Ihrer Daten vor ausländischen Behörden.
- Analysen Ihrer Herzfrequenzvariabilität können Rückschlüsse auf Stress, Alkoholkonsum und sogar Krankheiten zulassen und Sie zum „gläsernen Patienten“ machen.
Empfehlung: Übernehmen Sie die Kontrolle durch gezielte App-Einstellungen und ziehen Sie datenschutzfreundliche Alternativen ohne Cloud-Zwang in Betracht, um Ihre digitale Souveränität zu wahren.
Ein kurzer Blick auf das Handgelenk: 8.000 Schritte, eine stabile Herzfrequenz und ein guter Schlafwert. Fitness-Tracker und Smartwatches sind zu allgegenwärtigen Begleitern geworden, die uns motivieren und faszinierende Einblicke in unseren Körper liefern. Wir verlassen uns auf sie, um unsere sportlichen Leistungen zu optimieren, unser Wohlbefinden zu steigern und einen gesünderen Lebensstil zu führen. Doch diese Bequemlichkeit hat einen Preis, der nicht auf dem Kassenbon steht.
Die meisten Nutzer gehen davon aus, dass es genügt, die Datenschutzbestimmungen zu überfliegen oder auf die Einhaltung der DSGVO durch den Hersteller zu vertrauen. Doch die Realität ist komplexer. Hinter den bunten Grafiken und motivierenden Abzeichen verbirgt sich ein strategisches System zum Sammeln von Daten, die zu den sensibelsten überhaupt gehören: unseren Gesundheitsdaten. Diese Daten verlassen in den meisten Fällen nicht nur Ihr Smartphone, sondern werden auf Servern weltweit gespeichert und analysiert.
Aber was, wenn der wahre Wert des Geräts für den Hersteller gar nicht im Kaufpreis liegt, sondern im unschätzbaren Wert Ihrer Datenprofile? Dieser Artikel bricht mit der oberflächlichen Diskussion über Datenschutzeinstellungen. Wir tauchen tief in die rechtlichen und technischen Mechanismen ein, die bestimmen, wer wirklich Zugriff auf Ihre Daten hat. Es geht um die entscheidende Frage, warum der Serverstandort über Ihre Privatsphäre entscheidet und wie Sie dem Risiko, zum gläsernen Patienten zu werden, aktiv entgegenwirken können. Wir zeigen Ihnen, wie Sie die Kontrolle zurückgewinnen und Ihre digitale Souveränität wahren.
In den folgenden Abschnitten analysieren wir die konkreten Risiken – vom Serverstandort über Bonusprogramme der Krankenkassen bis hin zur Genauigkeit der Geräte. Sie erhalten praxisnahe Anleitungen, um sich effektiv zu schützen und bewusste Entscheidungen für Ihre Gesundheit und Ihre Daten zu treffen.
Inhaltsverzeichnis: Ihr Wegweiser zur Datenhoheit bei Fitness-Trackern
- Warum ist es entscheidend, ob Ihr Fitness-Tracker-Anbieter in der EU oder in China sitzt?
- Wie schränken Sie die Zugriffsrechte Ihrer Gesundheits-App auf dem Smartphone effektiv ein?
- Bonusprogramm der Krankenkasse: Lohnt es sich, Ihre Schritte gegen Geld zu tauschen?
- Das Risiko des „Gläsernen Patienten“: Was können Firmen aus Ihrer Herzfrequenzvariabilität lesen?
- Gibt es noch gute Fitness-Uhren, die ohne Cloud-Zwang funktionieren?
- Wie vermeiden Sie Verletzungen durch digitale Belastungssteuerung im stressigen Alltag?
- Schritte oder Kalorien: Wie ungenau sind günstige Fitness-Tracker unter 50 € wirklich?
- Warum ist es entscheidend, ob Ihr Fitness-Tracker-Anbieter in der EU oder in China sitzt?
Warum ist es entscheidend, ob Ihr Fitness-Tracker-Anbieter in der EU oder in China sitzt?
Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) gilt als eine der strengsten der Welt und schützt die personenbezogenen Daten von EU-Bürgern. Doch dieser Schutzschild hat Risse, sobald Ihre Daten die EU verlassen. Der Standort der Server, auf denen Ihr Fitness-Anbieter Ihre Herzfrequenz, Schlafmuster und GPS-Tracks speichert, ist daher der wichtigste Faktor für Ihre Privatsphäre. Viele der grössten Anbieter wie Fitbit (gehört zu Google), Garmin oder Apple haben ihren Hauptsitz in den USA. Das Problem: Das dortige Datenschutzniveau ist nicht mit dem der EU vergleichbar.
Diese Diskrepanz wurde durch ein wegweisendes Urteil des Europäischen Gerichtshofs zementiert. Im sogenannten „Schrems II“-Urteil wurde das „Privacy Shield“-Abkommen, das den Datentransfer in die USA regelte, für ungültig erklärt. Der Grund: US-Gesetze wie der CLOUD Act oder FISA erlauben US-Sicherheitsbehörden weitreichende Zugriffe auf Daten, die bei US-Unternehmen gespeichert sind – selbst wenn sich die Server in Europa befinden. Wie der EuGH feststellte:
Mit dem ‚Schrems II‘-Urteil erklärte der EuGH nun auch diesen EU-KOM Beschluss für ungültig, da das US-Recht im Vergleich zum EU-Recht kein im Wesentlichen gleichwertiges Schutzniveau biete.
– Europäischer Gerichtshof, Schrems II-Urteil (C-311/18)
Für Sie als Nutzer bedeutet das konkret: Ihre sensiblen Gesundheitsdaten, gespeichert bei einem US-Anbieter, können potenziell von US-Behörden ohne einen dem EU-Recht entsprechenden richterlichen Beschluss eingesehen werden. Die Transparenz seitens der Hersteller ist dabei oft mangelhaft. Eine Untersuchung zeigt, dass viele Anbieter ihre Nutzer nur unzureichend über die Datenverarbeitung aufklären. Laut der Verbraucherzentrale NRW informieren nur etwa 50% der Fitness-Tracker-Anbieter transparent genug. Die Wahl eines Anbieters mit explizitem Serverstandort in der EU ist somit ein fundamentaler, proaktiver Schritt zum Schutz Ihrer Daten.
Wie schränken Sie die Zugriffsrechte Ihrer Gesundheits-App auf dem Smartphone effektiv ein?
Bevor Ihre Daten überhaupt die Server des Anbieters erreichen, ist Ihr eigenes Smartphone die erste und wichtigste Verteidigungslinie. Jede Fitness-App fordert bei der Installation eine Reihe von Berechtigungen an, die oft weit über das für die Funktion Notwendige hinausgehen. Eine App zur Schrittzählung benötigt beispielsweise keinen Zugriff auf Ihre Kontakte oder Ihren Kalender. Hier setzt das Prinzip der Datensparsamkeit an: Erlauben Sie nur, was wirklich unumgänglich ist.
Die Kontrolle über diese Zugriffsrechte liegt vollständig in Ihrer Hand. Sowohl Android als auch iOS bieten detaillierte Menüs, in denen Sie für jede App einzeln festlegen können, worauf sie zugreifen darf. Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass man die Standardeinstellungen akzeptieren muss. Nehmen Sie sich die Zeit, die Berechtigungen kritisch zu prüfen und grosszügig zu widerrufen. Oft funktionieren die Kernfunktionen des Trackers auch ohne diese weitreichenden Zugriffe einwandfrei.

Wie die symbolische Darstellung zeigt, sind Sie derjenige, der die Schalter umlegt. Vermeiden Sie auch die bequeme Anmeldung über Social-Media-Konten wie Google oder Facebook. Dies erstellt eine direkte Verbindung zwischen Ihren Gesundheitsdaten und Ihrem sozialen Profil, was die Erstellung eines noch umfassenderen Persönlichkeitsprofils ermöglicht. Legen Sie stattdessen ein separates Konto mit einer E-Mail-Adresse an, die Sie nicht für andere wichtige Dienste verwenden.
Ihre Checkliste für mehr Datenkontrolle auf dem Smartphone
- Kontaktpunkte prüfen: Gehen Sie in den Smartphone-Einstellungen unter „Apps“ -> „[Ihre Fitness-App]“ -> „Berechtigungen“. Listen Sie alle geforderten Zugriffe auf (z. B. Standort, Kontakte, Kamera, Mikrofon).
- Bestehendes inventarisieren: Fragen Sie sich bei jeder Berechtigung: Ist sie für die Kernfunktion (z. B. Schrittzählung) zwingend notwendig? Ein Zugriff auf Kontakte ist es fast nie.
- Kohärenz prüfen: Deaktivieren Sie alle Berechtigungen, die nicht absolut notwendig sind. Besonders kritisch sind „Standort (immer)“, „Kontakte“ und „Kalender“. Beobachten Sie, ob die App weiterhin wie gewünscht funktioniert.
- Einzigartigkeit bewerten: Nutzen Sie für die Registrierung eine separate E-Mail-Adresse und erfundene Nutzerdaten (Pseudonym), anstatt sich mit Ihrem Google- oder Facebook-Konto anzumelden.
- Integrationsplan erstellen: Überprüfen Sie in den Web-Accounts der Anbieter (z.B. Garmin Connect, Fitbit) unter „Verbundene Apps“ alle Drittanbieter-Dienste und kappen Sie unnötige Verbindungen (z.B. zu Strava, wenn nicht genutzt).
Bonusprogramm der Krankenkasse: Lohnt es sich, Ihre Schritte gegen Geld zu tauschen?
Viele deutsche Krankenkassen locken ihre Versicherten mit attraktiven Bonusprogrammen: Wer seine sportlichen Aktivitäten per App nachweist, erhält Geldprämien oder Zuschüsse. Auf den ersten Blick eine Win-Win-Situation. Sie werden für einen gesunden Lebensstil belohnt, und die Krankenkasse profitiert von fitteren Mitgliedern. Doch dieser Tausch – Schritte gegen Geld – ist eine Form der direkten Daten-Monetarisierung, bei der Sie der Verkäufer Ihrer eigenen Gesundheitsdaten sind.
Die Teilnahme ist freiwillig, aber der Anreiz ist hoch. Wie eine Auswertung zeigt, nutzen allein bei einer grossen Kasse wie der AOK Plus in Sachsen rund 420.000 Versicherte das Bonusprogramm. Das ist etwa jeder Fünfte. Die Krankenkassen sind zwar an strenge Sozialdatenschutzgesetze gebunden, doch die Daten werden oft über Drittanbieter-Apps gesammelt, deren Datenschutzpraktiken weniger transparent sind. Sie geben die Kontrolle über Ihre Bewegungs- und Aktivitätsprofile aus der Hand und machen sie für die Kasse auswertbar.
Die entscheidende Frage ist, ob die finanzielle Prämie das potenzielle Risiko aufwiegt. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Angebote einiger grosser deutscher Krankenkassen und verdeutlicht die Mechanismen des Datentauschs.
| Krankenkasse | Max. Bonus/Jahr | Schritte-Tracking | Wert pro Aktivität |
|---|---|---|---|
| AOK Plus | 250 € | 10.000 Schritte = 0,50 €/Tag | Max. 90 €/Jahr für Tracking |
| BARMER | 200 € | Nicht direkt | 10-15 € pro Massnahme |
| TK | 160 € | 60.000 Schritte/10 Wochen | 10 € pro Challenge |
| AOK Nordost | 275 € | Ja, über App | 180 € für sportliche Aktivitäten |
Langfristig besteht das Risiko, dass solche Daten zur Tarifierung oder zur Bewertung von Risikoprofilen herangezogen werden könnten, auch wenn dies derzeit rechtlich ausgeschlossen ist. Sie müssen abwägen, ob eine Prämie von wenigen hundert Euro pro Jahr den potenziellen Verlust Ihrer Datenhoheit wert ist.
Das Risiko des „Gläsernen Patienten“: Was können Firmen aus Ihrer Herzfrequenzvariabilität lesen?
Moderne Fitness-Tracker messen längst nicht mehr nur Schritte. Eine der aussagekräftigsten, aber auch sensibelsten Metriken ist die Herzfrequenzvariabilität (HFV). Sie misst die Millisekunden-Abweichungen zwischen einzelnen Herzschlägen und ist ein Indikator für den Zustand des autonomen Nervensystems. Eine hohe HFV deutet auf Erholung und Fitness hin, eine niedrige auf Stress, Erschöpfung oder Krankheit. Diese Daten verbleiben jedoch nicht auf Ihrem Gerät.
Wie Experten von DataGuard betonen, werden die gesammelten Daten via Bluetooth mit dem Smartphone synchronisiert und gelangen von dort fast immer auf die Server der Anbieter. Dort können sie mit Algorithmen analysiert werden, um weit mehr als nur Ihre Fitness zu bewerten. Aus den Mustern Ihrer HFV können Rückschlüsse auf Ihren Stresslevel, Ihren Alkoholkonsum, die Qualität Ihrer Erholung und sogar auf sich anbahnende Infektionen oder chronische Krankheiten gezogen werden. Sie werden zum „gläsernen Patienten“, dessen Gesundheitszustand für das Unternehmen, das Ihre Daten besitzt, lesbar wird.

Diese tiefen Einblicke sind nicht nur für Sie interessant, sondern auch für Dritte. Versicherungen, Arbeitgeber oder Marketingfirmen hätten ein enormes Interesse an solchen Profilen, um Risiken zu bewerten, Tarife zu gestalten oder personalisierte Werbung auszuspielen. Auch wenn eine direkte Weitergabe oft vertraglich ausgeschlossen wird, können anonymisierte oder aggregierte Datensätze verkauft oder für Forschungs- und Entwicklungszwecke genutzt werden. Die Grenze zwischen legitimer Produktverbesserung und kommerzieller Auswertung Ihrer intimsten Gesundheitsdaten ist fliessend und für den Nutzer kaum nachvollziehbar.
Gibt es noch gute Fitness-Uhren, die ohne Cloud-Zwang funktionieren?
Die ständige Sorge um Serverstandorte und Datenweitergabe führt zu einer entscheidenden Frage: Muss man sich diesem System ausliefern? Die Antwort ist nein. Es gibt einen wachsenden Markt und eine Community für Lösungen, die dem Nutzer die digitale Souveränität zurückgeben. Der Schlüsselbegriff hierbei ist die Vermeidung des Cloud-Zwangs – also die Möglichkeit, einen Fitness-Tracker vollumfänglich zu nutzen, ohne dass die Daten an die Server des Herstellers gesendet werden müssen.
Eine der bekanntesten Lösungen in diesem Bereich ist die Open-Source-App „Gadgetbridge“. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie man die Kontrolle behalten kann.
Fallbeispiel: Gadgetbridge – Die Open-Source-Alternative
Gadgetbridge ist eine kostenlose Android-Anwendung, die es ermöglicht, eine Vielzahl von Wearables (z.B. von Xiaomi, Amazfit, Huami) direkt mit dem Smartphone zu koppeln, ohne die offizielle Hersteller-App zu installieren. Alle Daten werden ausschliesslich lokal auf dem Telefon gespeichert. Der Nutzer erhält volle Funktionalität, ohne seine Gesundheitsdaten aus der Hand zu geben. Laut der offiziellen Website werden über 100 verschiedene Geräte unterstützt, was den Nutzern eine breite Auswahl an datenschutzfreundlicher Hardware ermöglicht.
Die Nutzung solcher Alternativen erfordert zwar ein gewisses technisches Interesse, ist aber ein gangbarer Weg für datenschutzbewusste Nutzer. Sie zeigen, dass das Sammeln, Analysieren und Visualisieren von Fitnessdaten auch dezentral und privat möglich ist. Anstatt auf die Versprechen der Hersteller zu vertrauen, nehmen Sie den Datenschutz selbst in die Hand.
Für diejenigen, die diesen Weg gehen wollen, gibt es konkrete Schritte:
- Installation über F-Droid: Installieren Sie Gadgetbridge aus dem alternativen App-Store F-Droid, um eine vollständig quelloffene Version ohne Tracker zu erhalten.
- Direkte Kopplung: Koppeln Sie Ihren (kompatiblen) Fitness-Tracker direkt mit Gadgetbridge, ohne jemals die Hersteller-App zu installieren.
- Lokale Analyse: Speichern und analysieren Sie Ihre Daten direkt auf dem Smartphone.
- Datenexport nutzen: Exportieren Sie Ihre Aktivitätsdaten im GPX-Format, um sie in anderen lokalen Analyse-Tools wie GoldenCheetah weiterzuverarbeiten.
Die Wahl einer solchen Lösung ist ein klares Statement: Sie entscheiden sich bewusst gegen das Geschäftsmodell der Daten-Monetarisierung und für die volle Kontrolle über Ihre persönlichen Informationen.
Wie vermeiden Sie Verletzungen durch digitale Belastungssteuerung im stressigen Alltag?
Fitness-Tracker versprechen, uns vor Überlastung zu schützen, indem sie Metriken wie „Trainingsbereitschaft“ (Garmin) oder „Tagesform“ (Polar) berechnen. Diese Werte sollen auf Basis von Schlaf, HFV und bisheriger Belastung anzeigen, ob wir für ein intensives Training bereit sind oder eine Pause einlegen sollten. Doch blindes Vertrauen in diese Algorithmen kann gefährlich sein, insbesondere im Kontext des typisch deutschen Arbeitsalltags, der von mentalem Stress geprägt ist.
Das Problem: Die meisten Algorithmen können physische Belastung gut messen, aber mentalen oder emotionalen Stress nur unzureichend erfassen. Ein anstrengender Tag im Büro, psychische Anspannung oder private Sorgen senken Ihre tatsächliche Belastbarkeit erheblich, was sich im Algorithmus der Uhr aber oft nicht oder nur verzögert widerspiegelt. Wenn die Uhr „Bereit zum Training“ anzeigt, Ihr Körper und Geist aber erschöpft sind, steigt das Risiko für Verletzungen und Übertraining rapide an.
Metriken wie ‚Trainingsbereitschaft‘ (Garmin) oder ‚Tagesform‘ (Polar) sollten nicht blind vertraut werden, insbesondere wenn mentaler Stress im deutschen Arbeitsalltag nicht erfasst wird.
– Deutsche Sportmediziner, Empfehlung für Wearable-Nutzer
Zusätzlich zur Ungenauigkeit der Algorithmen kommt das grundsätzliche Misstrauen gegenüber der Software. Eine unabhängige Prüfung ergab, dass 4 von 6 populären Wearable-Apps nicht einmal die grundlegenden Datenschutzanforderungen erfüllen. Wie kann man einem Algorithmus seine Gesundheit anvertrauen, wenn die Software-Grundlage bereits derart mangelhaft ist? Nutzen Sie die Daten Ihres Trackers daher als eine zweite Meinung, aber niemals als primären Ratgeber. Die wichtigste Metrik bleibt Ihr eigenes Körpergefühl. Lernen Sie, auf die Signale Ihres Körpers zu hören, anstatt sich von einem Algorithmus unter Druck setzen zu lassen.
Schritte oder Kalorien: Wie ungenau sind günstige Fitness-Tracker unter 50 € wirklich?
Der Markt ist überflutet mit günstigen Fitness-Trackern, die oft für unter 50 Euro erhältlich sind. Sie versprechen die gleichen Kernfunktionen wie teure Modelle: Schrittzählung, Kalorienverbrauch und Schlafanalyse. Doch wie verlässlich sind diese Messungen? Die Antwort hängt stark von Ihrem persönlichen Anwendungszweck ab. Für Gelegenheitssportler, die primär eine Motivationshilfe suchen, kann ein günstiger Tracker absolut ausreichend sein.
Die Schrittzählung ist bei den meisten Geräten, auch im unteren Preissegment, mittlerweile erstaunlich präzise. Abweichungen entstehen meist durch Armbewegungen, die nicht vom Gehen stammen (z.B. beim Tippen am Schreibtisch). Deutlich problematischer sind jedoch die Messungen des Kalorienverbrauchs und der Herzfrequenz. Günstige Tracker nutzen oft einfachere optische Sensoren und simple Algorithmen, die auf Durchschnittswerten basieren. Faktoren wie individuelle Stoffwechselrate, Trainingsintensität oder sogar die Hautpigmentierung können die Ergebnisse stark verfälschen. Abweichungen von 20-30% beim Kalorienverbrauch sind keine Seltenheit.
Eine bereits 2016 durchgeführte Prüfaktion deutscher Datenschutzaufsichtsbehörden offenbarte zudem, dass gerade im günstigen Segment die grundlegendsten Datenschutzanforderungen oft missachtet werden. Bei der damaligen Prüfung erfüllte kein einziges der untersuchten Geräte die rechtlichen Vorgaben vollständig. Es wurden mangelnde Transparenz, die Weitergabe von Daten zu Marketingzwecken und unzureichende Löschmöglichkeiten bemängelt. Auch wenn sich die Lage verbessert hat, bleibt Vorsicht geboten.
Die Wahl des richtigen Geräts sollte sich daher an Ihren Zielen orientieren:
- Für Motivationssteigerung: Ein günstiger Tracker unter 50 € ist oft ausreichend, um ein Bewusstsein für die tägliche Bewegung zu schaffen.
- Für ambitionierte Läufer: Investieren Sie in ein präziseres Gerät, idealerweise mit der Möglichkeit, einen Brustgurt für eine exakte Herzfrequenzmessung zu koppeln.
- Bei Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen: Verlassen Sie sich ausschliesslich auf medizinisch zertifizierte Geräte, die oft auch eine EKG-Funktion bieten. Consumer-Elektronik ist hier ungeeignet.
- Für Datenschutzbewusste: Kombinieren Sie ein kompatibles, günstiges Gerät (z.B. Mi Band) mit Open-Source-Lösungen wie Gadgetbridge, um Datensicherheit und Basisfunktionen zu vereinen.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Serverstandort ist entscheidend: Daten bei US- oder China-Anbietern unterliegen fremden Gesetzen (z.B. CLOUD Act), die den DSGVO-Schutz untergraben.
- Sie sind kein Kunde, sondern das Produkt: Ihr Gesundheitsdatenprofil ist für viele Unternehmen wertvoller als der Kaufpreis Ihres Geräts.
- Digitale Souveränität ist möglich: Durch bewusste App-Einstellungen und Open-Source-Alternativen wie Gadgetbridge können Sie die Kontrolle über Ihre Daten behalten.
Warum ist es entscheidend, ob Ihr Fitness-Tracker-Anbieter in der EU oder in China sitzt?
Wir haben die rechtlichen Grundlagen des Datentransfers in die USA beleuchtet. Doch die geopolitische Dimension des Datenschutzes endet hier nicht. Neben den USA ist China ein weiterer zentraler Akteur auf dem Wearable-Markt, mit Anbietern wie Huawei, Xiaomi oder Amazfit. Auch hier gilt: Der Standort des Anbieters ist von überragender Bedeutung, da die Daten den dortigen Gesetzen unterliegen, die dem europäischen Schutzgedanken fundamental widersprechen.
Während in den USA der CLOUD Act den Behörden den Zugriff auf Daten von US-Firmen weltweit ermöglicht, existiert in China das Nationale Geheimdienstgesetz. Dieses Gesetz verpflichtet alle Organisationen und Bürger, die Arbeit der staatlichen Nachrichtendienste zu unterstützen. In der Praxis bedeutet dies, dass chinesische Behörden potenziell einen noch umfassenderen und weniger kontrollierten Zugriff auf Daten haben, die bei chinesischen Unternehmen gespeichert sind. Das Konzept eines unabhängigen richterlichen Beschlusses, wie wir es in Deutschland kennen, ist in diesem Kontext nicht existent.
Die Wahl zwischen einem Anbieter aus den USA, China oder der EU ist also keine rein technische, sondern eine zutiefst politische Entscheidung über den Schutz Ihrer intimsten Informationen. Ein Serverstandort innerhalb der EU bietet durch die alleinige Geltung der DSGVO das höchste und verlässlichste Schutzniveau. Es ist der einzige Weg, um sicherzustellen, dass Ihre Gesundheitsdaten nicht zum Spielball geopolitischer Interessen und fremder Überwachungsgesetze werden.
Die Erkenntnis aus dieser globalen Perspektive ist eindeutig: Solange Ihre Daten auf Servern ausserhalb der EU liegen, geben Sie ein Stück Ihrer Privatsphäre und Ihrer Rechte auf. Die einzige wirksame Strategie ist, entweder einen der wenigen Anbieter mit explizitem EU-Serverstandort zu wählen oder durch technische Massnahmen wie die Nutzung von Gadgetbridge den Datenabfluss von vornherein zu unterbinden.
Bewaffnen Sie sich mit diesem Wissen und fordern Sie Ihre digitale Souveränität zurück. Überprüfen Sie jetzt die Einstellungen Ihrer Geräte und treffen Sie bewusste Entscheidungen – für Ihre Gesundheit und für Ihre Privatsphäre.