Veröffentlicht am März 15, 2024

Entgegen der Annahme, dass mehr Training zu mehr Leistung führt, liegt der Schlüssel für ambitionierte Amateure nicht im Kopieren von Profi-Umfängen, sondern in der intelligenten Extraktion von Trainingsprinzipien. Es geht darum, Qualität vor Quantität zu stellen, die Regeneration aktiv in den Berufsalltag zu integrieren und die Belastung durch einfache, aber objektive Daten zu steuern. Nur so lässt sich nachhaltig Leistung steigern, ohne im Burnout zu landen.

Der Wecker klingelt um sechs, eine schnelle Trainingseinheit vor der Arbeit, dann acht bis neun Stunden im Büro, gefolgt vom Versuch, abends noch Energie für Familie oder ein weiteres Training zu finden. Sie geben alles, investieren Zeit und Schweiss, doch nach einigen Monaten stagniert die Leistung. Frustration macht sich breit. Der Blick auf die Trainingspläne der Profis scheint eine Lösung zu versprechen: Wer so trainiert wie sie, muss doch auch ihre Ergebnisse erzielen, oder? Dieser Gedanke ist verlockend, aber gefährlich.

Die gängigen Ratschläge beschränken sich oft auf Binsenweisheiten wie „Hör auf deinen Körper“ oder „Regeneration ist wichtig“. Doch was bedeutet das konkret, wenn der Arbeitsalltag, Stress und private Verpflichtungen ein völlig anderes Regenerationsumfeld schaffen als das eines Profisportlers? Der Versuch, einen 20-Stunden-Wochenplan in ein Leben mit 40-Stunden-Job zu pressen, ist nicht nur unrealistisch, sondern der direkte Weg in Übertraining, Verletzung und mentalen Burnout. Es ist ein fundamentaler Denkfehler, der die Freude am Sport zerstört.

Die wahre Lösung liegt nicht darin, *mehr* zu tun, sondern *intelligenter*. Wenn die wahre Kunst für Amateure nicht darin besteht, das Volumen zu kopieren, sondern die Prinzipien dahinter zu extrahieren? Dieser Artikel ist Ihr Leitfaden, um genau das zu tun. Als zertifizierter DOSB-Trainer zeige ich Ihnen, wie Sie die Essenz professioneller Trainingsmethoden für sich nutzen, Ihr Training datengestützt an Ihren Alltag anpassen und die Regeneration als aktiven Teil Ihrer Leistungssteigerung begreifen. Sie lernen, wie ein smarter Amateur zu denken und zu handeln.

Wir werden gemeinsam eine Strategie entwickeln, die auf den Realitäten des deutschen Berufsalltags basiert. Von der smarten Reduzierung des Trainingsvolumens über pragmatische Leistungsdiagnostik bis hin zum optimalen Nährstoff-Timing im Büro – dieser Leitfaden gibt Ihnen die Werkzeuge an die Hand, um Ihr volles Potenzial auszuschöpfen, ohne Ihre Gesundheit oder Ihre Leidenschaft für den Sport zu opfern.

Warum das 1:1 Kopieren von Profi-Plänen zum Scheitern verurteilt ist

Der grösste Fehler, den ein ambitionierter Hobbysportler machen kann, ist die Annahme, dass der eigene Körper unter denselben Bedingungen arbeitet wie der eines Profis. Ein Profi-Athlet hat einen Beruf: Sport. Sein gesamter Tagesablauf – Schlaf, Ernährung, Physiotherapie, mentale Erholung – ist auf die Kompensation hoher Trainingsbelastungen ausgerichtet. Ihr Alltag hingegen ist geprägt von beruflichem Stress, Termindruck und mentaler Dauerbelastung, die ebenfalls Ressourcen verbrauchen. Das Ignorieren dieses fundamentalen Unterschieds führt zwangsläufig in eine Überlastungsspirale.

Das Problem ist nicht neu und selbst im Spitzensport allgegenwärtig. Eine umfangreiche Studie des Bundesinstituts für Sportwissenschaft ergab, dass sich fast 50% der 1154 befragten Athleten regelmässig ausgebrannt fühlen. Wenn selbst Profis unter idealen Rahmenbedingungen an ihre Grenzen stossen, wie viel grösser ist dann das Risiko für einen Amateur, der versucht, ein ähnliches Pensum neben einem Vollzeitjob zu bewältigen? Das Nervensystem unterscheidet nicht, ob der Stress vom Chef oder von einer harten Intervalleinheit kommt – es summiert sich.

Ein Profi-Plan, der 20 Stunden Training pro Woche vorsieht, basiert auf einer Belastungs-Regenerations-Balance, die für Sie nicht existiert. Ihre Regenerationskapazität ist durch den Alltag bereits stark reduziert. Das 1:1-Kopieren führt daher nicht zu einer doppelten Belastung, sondern zu einer exponentiellen Überlastung, da die Erholungsphasen fehlen, um die gesetzten Reize überhaupt zu verarbeiten. Anstatt stärker zu werden, wird Ihr Körper systematisch abgebaut. Der Schlüssel liegt also nicht darin, den Plan zu kopieren, sondern sein Grundprinzip zu verstehen und auf Ihr Leben zu adaptieren.

Wie reduzieren Sie das Volumen eines Profi-Plans auf 6 Stunden pro Woche?

Die Lösung ist nicht, einfach alle Einheiten prozentual zu kürzen. Das würde die spezifischen Reize verwässern. Der intelligente Ansatz ist die Prinzipien-Extraktion: Sie analysieren den Zweck jeder Profi-Einheit und bauen eine kürzere, aber ebenso wirksame Einheit darum auf. Fragen Sie sich: Was ist der Schlüsselreiz dieser Einheit? Eine hohe Sauerstoffaufnahme (VO2max)? Kraftausdauer? Fettstoffwechsel? Konzentrieren Sie Ihre begrenzte Zeit genau darauf.

Ein Profi absolviert vielleicht eine vierstündige Grundlageneinheit. Der physiologische Zweck ist die Verbesserung des Fettstoffwechsels und der aeroben Kapazität. Für Sie als Amateur mit einem Zeitbudget von 6 Stunden pro Woche ist das nicht machbar. Stattdessen können Sie denselben Reiz viel effizienter setzen, zum Beispiel durch eine 90-minütige Nüchterneinheit am Wochenende. Der Effekt auf den Fettstoffwechsel ist, bezogen auf den Zeitaufwand, enorm. Bei intensiven Einheiten gilt dasselbe: Statt eines langen Intervallprogramms konzentrieren Sie sich auf 4-6 sehr harte, aber kurze Intervalle, gefolgt von ausreichend langen Pausen. Qualität schlägt hier immer Quantität.

Dieser strukturierte Ansatz erlaubt es Ihnen, die wichtigsten physiologischen Anpassungen mit einem Bruchteil des Zeitaufwands zu erzielen. Ihr Wochenplan wird zu einem präzisen chirurgischen Instrument statt zu einem stumpfen Hammer.

Strukturierter Wochenplan eines Amateursportlers mit optimaler Trainingsverteilung

Wie die Visualisierung andeutet, geht es um eine smarte Verteilung der Belastungsspitzen über die Woche, die mit Ihrem Berufsalltag kompatibel ist. Eine harte Einheit am Dienstagabend ist nur dann sinnvoll, wenn der Mittwoch eine bewusste Reduzierung der Alltagsbelastung zulässt. Laut einer Empfehlung von mobilesport.ch zur Anpassung von Trainingsmethoden ist die Variation von Dauer, Intensität und Pausengestaltung entscheidend, um mit weniger Volumen maximale Erfolge zu erzielen.

Laktattest beim Arzt oder Feldtest: Was lohnt sich für Amateure wirklich?

Um Qualität vor Quantität zu stellen, müssen Sie Ihre individuellen Trainingsbereiche kennen. Ohne sie ist jedes Training ein Schuss ins Blaue. Viele denken sofort an eine teure Leistungsdiagnostik mit Laktatmessung beim Sportarzt. Diese liefert zwar exakte Werte, ist aber für die meisten Amateure übertrieben. Sie ist eine Momentaufnahme, die durch Stress oder einen schlechten Tag verfälscht sein kann und schnell veraltet. Eine pragmatischere und für den Alltag tauglichere Methode ist ein regelmässiger DIY-Feldtest.

Ein Feldtest, wie zum Beispiel ein 20-minütiger Zeitfahrtest im Radsport oder ein 30-minütiger Testlauf, kann mit einer modernen Pulsuhr mit Brustgurt durchgeführt werden und liefert ausreichend genaue Werte, um Ihre Herzfrequenz- oder Leistungszonen zu bestimmen. Der entscheidende Vorteil: Sie können ihn alle vier bis sechs Wochen wiederholen und so Ihre Fortschritte objektiv verfolgen und die Zonen an Ihre aktuelle Form anpassen. Sie werden zu Ihrem eigenen Leistungsdiagnostiker.

Die folgende Tabelle, basierend auf einer vergleichenden Analyse von runnersworld.de, stellt die beiden Ansätze für den typischen deutschen Amateur gegenüber:

Vergleich Laktattest vs. Feldtest für Amateursportler
Kriterium Professioneller Laktattest DIY-Feldtest
Kosten 150-250€ in Deutschland 0€ (nur Pulsuhr benötigt)
Genauigkeit Sehr hoch Ausreichend für Amateure
Häufigkeit 1-2x pro Jahr Monatlich möglich
Zeitaufwand 2-3 Stunden inkl. Anfahrt 30-45 Minuten
Auswertung Professionell mit Beratung Selbstständig mit Formeln

Fallbeispiel: Der 20-Minuten-Test als kosteneffiziente Alternative

Ein strukturierter 20-Minuten-Feldtest kann für Amateursportler eine hervorragende Alternative zur Labordiagnostik sein. Ausgestattet mit einem EKG-genauen Brustgurt (z.B. Polar H10) und einer kompatiblen Uhr können Sportler ihre maximale Leistung über 20 Minuten ermitteln. Aus diesem Wert (z.B. die durchschnittliche Herzfrequenz oder Watt-Leistung) lassen sich durch einfache Formeln (z.B. 95% des Durchschnittswertes als Schwellenwert) die individuellen Trainingsbereiche ableiten. Dies ermöglicht eine regelmässige, kostenfreie Anpassung des Trainings an die tatsächliche Leistungsentwicklung.

Der Fehler bei der Regeneration, der Ihre Leistungssteigerung blockiert

Die meisten Amateure verstehen Regeneration passiv: auf dem Sofa liegen, nicht trainieren. Das ist der grösste Denkfehler. Wahre Regeneration ist ein aktiver Prozess, der die Reparatur und Anpassung des Körpers beschleunigt. Der mit Abstand wichtigste Regenerationsfaktor ist der Schlaf. Hier finden die entscheidenden hormonellen Prozesse für den Muskelaufbau statt. Doch gerade der Schlaf leidet unter beruflichem Stress am meisten. Eine Studie zeigt, dass selbst 33% der Spitzensportler unter Schlafstörungen leiden – für berufstätige Amateure ist diese Zahl wahrscheinlich noch höher.

Da die Nachtruhe oft nicht ideal ist, wird die Mikro-Regeneration während des Tages umso wichtiger. Das sind kleine, aktive Erholungsinseln, die Sie in Ihren Büroalltag integrieren können. Anstatt in der Mittagspause am Schreibtisch zu essen, machen Sie einen 15-minütigen Spaziergang. Anstatt den Aufzug zu nehmen, gehen Sie die Treppe – aber langsam und bewusst. Stehen Sie jede Stunde für fünf Minuten auf und machen Sie leichte Dehnübungen für Nacken, Schultern und Hüfte. Diese kleinen Massnahmen summieren sich und verbessern die Durchblutung, reduzieren Muskelverspannungen und senken das Stresslevel.

Sie unterbrechen den Kreislauf der passiven Belastung durch das lange Sitzen und signalisieren Ihrem Körper, dass er sich auch tagsüber erholen darf. Dies ist ein entscheidender Baustein, um die Gesamtbelastung zu managen.

Büroarbeiter praktiziert aktive Mikro-Erholung mit Dehnübungen

Die Abbildung verdeutlicht das Prinzip der aktiven Erholung im Kleinen. Es geht nicht um ein vollwertiges Workout, sondern um kurze, bewusste Bewegungen, die den Körper aus seiner statischen Haltung lösen und die Regeneration fördern, noch bevor das eigentliche Training am Abend beginnt. Sie kommen so erholter zum Training und können eine höhere Qualität abliefern.

Wie timen Sie Ihre Nährstoffaufnahme im Büroalltag optimal?

Im Amateur- und Fitnesssport wird sehr oft zu intensiv trainiert, was für die Verbesserung der Leistungsfähigkeit klar hinderlich ist.

– Mobilesport.ch, Optimales Ausdauertraining

Dieses Zitat trifft den Nagel auf den Kopf. Und eine der Hauptursachen für als „zu intensiv“ empfundenes Training ist eine suboptimale Energieversorgung. Wenn Sie nach einem langen Arbeitstag mit leeren Glykogenspeichern in eine harte Einheit starten, wird diese nicht nur zur Qual, sondern ist auch kontraproduktiv. Das Timing Ihrer Nährstoffaufnahme ist für Amateure mit Bürojob fast wichtiger als für Profis. Es erfordert Planung und Vorbereitung.

Der Schlüssel liegt darin, die Mahlzeiten während des Arbeitstages strategisch auf das geplante Abendtraining auszurichten. Das Mittagessen in der deutschen Kantine wird so zu Ihrer wichtigsten Pre-Workout-Mahlzeit. Planen Sie eine intensive Einheit, sind Nudeln oder Reis die bessere Wahl. Steht eine lockere Grundlageneinheit an, ist ein grosser Salat mit einer Proteinquelle wie Hähnchen oder Tofu ideal. Ein kleiner, proteinreicher Snack am Nachmittag (ca. 1-2 Stunden vor dem Training) wie ein Skyr oder eine Handvoll Nüsse verhindert das Leistungstief am Abend.

Unmittelbar nach dem Training ist das „anabole Fenster“ entscheidend. Hier ist der Körper besonders aufnahmefähig für Nährstoffe zur Reparatur. Ein einfacher, am Schreibtisch vorbereiteter 30-Sekunden-Recovery-Shake (Wasser und Proteinpulver) ist hier die pragmatischste Lösung, bevor Sie sich auf den Heimweg machen. Das traditionelle deutsche Abendbrot wird dann zur zweiten Stufe der Regeneration, idealerweise mit Vollkornbrot und proteinreichem Belag wie Hüttenkäse oder magerem Schinken.

Ihr Aktionsplan: Nährstoff-Timing im Büroalltag

  1. Trainingsziel definieren: Legen Sie morgens fest, ob das Abendtraining intensiv (z.B. Intervalle) oder regenerativ (z.B. Grundlage) sein wird.
  2. Mittagsmahlzeit planen: Wählen Sie in der Kantine gezielt Kohlenhydrate (Nudeln, Reis) vor intensiven Einheiten oder einen proteinreichen Salat vor lockeren Einheiten.
  3. Post-Workout-Snack vorbereiten: Stellen Sie einen Recovery-Shake (Pulver im Shaker) oder Magerquark für direkt nach dem Training am Schreibtisch oder in der Tasche bereit.
  4. Intelligente Snacks bevorraten: Kaufen Sie gezielt Protein-Snacks wie Skyr oder Körnigen Frischkäse aus deutschen Supermärkten, um Heisshungerattacken am Nachmittag zu vermeiden.
  5. Abendbrot als Regenerationsturbo nutzen: Gestalten Sie die letzte Mahlzeit des Tages bewusst mit Vollkornbrot und Proteinbelag (z.B. Hüttenkäse), um die nächtliche Reparatur zu unterstützen.

Warum stagnieren Ihre Leistungen trotz hartem Training nach 6 Monaten konsequent?

Sie trainieren regelmässig, geben in jeder Einheit gefühlt alles, und trotzdem tut sich auf der Uhr oder bei Wettkämpfen seit Monaten nichts mehr. Dieses Phänomen ist als Leistungsplateau bekannt und hat eine häufige Ursache: Sie trainieren zu oft in der „Grauzone“. Dieses Tempo, oft als „zügig“ oder „flott“ beschrieben, ist zu intensiv für eine echte Verbesserung der Grundlagenausdauer, aber nicht intensiv genug, um maximale Anpassungen im anaeroben Bereich auszulösen. Sie sammeln Ermüdung an, ohne spezifische Reize zu setzen.

Profis vermeiden diese Falle durch polarisiertes Training. Das bedeutet, dass rund 80% des Trainings in einem sehr lockeren, regenerativen Bereich (Zone 1-2) stattfinden, während nur 20% aus sehr harten, hochintensiven Einheiten (Zone 4-5) bestehen. Die Grauzone dazwischen (Zone 3) wird bewusst gemieden. Dieser Ansatz stellt sicher, dass der Körper genügend Zeit hat, sich von den harten Reizen zu erholen und eine breite aerobe Basis aufzubauen, die das Fundament für Spitzenleistungen ist.

Für Amateure bedeutet das eine radikale Umstellung: Die meisten Ihrer Einheiten sollten sich wirklich leicht anfühlen, so leicht, dass Sie sich dabei problemlos unterhalten können. Nur ein- bis maximal zweimal pro Woche gehen Sie dann gezielt an Ihre Grenzen. Dieser Kontrast ist es, der die entscheidenden Anpassungsreize setzt und Plateaus durchbricht.

Fallbeispiel: Ausbruch aus der Grauzonen-Falle durch Blockperiodisierung

Viele Amateure trainieren konstant im „Tempo“-Bereich, was zur Stagnation führt. Die Lösung liegt in polarisiertem Training mit klarer Trennung zwischen sehr leichten (aerob) und sehr harten (anaerob) Einheiten. Eine weitere Profi-Methode, um Plateaus zu durchbrechen, ist die Blockperiodisierung. Anstatt jede Woche gleich zu trainieren, können Sie einen Fokus setzen: Zum Beispiel drei Wochen lang das Volumen in den leichten Einheiten erhöhen (Volumen-Block), gefolgt von drei Wochen mit einem Fokus auf kurze, sehr intensive Einheiten (Intensitäts-Block). Abgeschlossen wird der Zyklus mit einer bewussten Erholungswoche. Dieser Wechsel der Reize zwingt den Körper zu neuen Anpassungen.

Wenn Ihre Leistung stagniert, ist es Zeit für eine ehrliche Analyse. Überprüfen Sie Ihre Trainingsverteilung und verstehen Sie, warum Sie trotz harter Arbeit nicht vorankommen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Prinzip vor Volumen: Extrahieren Sie die Schlüsselreize aus Profi-Plänen, anstatt deren Umfang blind zu kopieren.
  • Daten statt Raten: Nutzen Sie regelmässige Feldtests und HRV-Messungen, um Ihr Training objektiv an Ihre Tagesform anzupassen.
  • Aktive Regeneration: Integrieren Sie Mikro-Pausen und gezielte Ernährung in Ihren Alltag, um die Erholung zu beschleunigen und die Gesamtbelastung zu senken.

Was sagt der Abstand zwischen Ihren Herzschlägen über Ihr Stresslevel aus?

Eine der wertvollsten, aber oft ignorierten Metriken, die moderne Sportuhren bieten, ist die Herzfrequenzvariabilität (HRV). Sie misst nicht die Herzfrequenz selbst, sondern die winzigen, unregelmässigen Zeitabstände zwischen den einzelnen Herzschlägen. Eine hohe Variabilität (grosse Unterschiede in den Abständen) ist ein Zeichen für einen entspannten, erholten und anpassungsfähigen Zustand. Eine niedrige, gleichförmige HRV deutet hingegen auf Stress, Ermüdung oder einen beginnenden Infekt hin.

Für Sie als Amateur ist die morgendliche HRV-Messung ein objektiver Indikator für Ihre „Tagesform“. Sie beantwortet die Frage: „Bin ich heute bereit für eine harte Trainingseinheit oder sollte ich lieber eine regenerative Einheit einlegen oder sogar einen Pausentag machen?“ Die HRV macht die Empfehlung „Hör auf deinen Körper“ messbar. Sie lernen, zwischen echter Müdigkeit (niedrige HRV) und reiner Unlust (normale HRV) zu unterscheiden. Dies ermöglicht eine daten-gesteuerte Anpassung Ihres Trainings an die tatsächliche Belastung, die Ihr Körper durch Job, Alltag und Training erfährt.

Die gute Nachricht ist, dass Sie diesen Wert aktiv beeinflussen können. Ausreichend Schlaf, Stressmanagement-Techniken wie Meditation, eine gesunde Ernährung und vor allem regelmässiges, aber intelligentes Ausdauertraining verbessern die HRV nachhaltig. Studien der DAK Gesundheit zur Herzfrequenzvariabilität zeigen, dass regelmässiges Ausdauertraining die HRV langfristig um bis zu 20% steigern kann. Dies ist ein messbarer Beweis dafür, dass Ihr Körper widerstandsfähiger gegen Stress wird.

Wie vermeiden Sie Verletzungen durch digitale Belastungssteuerung im stressigen Alltag?

Moderne Sportuhren und Plattformen wie Garmin Connect, Polar Flow oder TrainingPeaks sind wertvolle Partner auf dem Weg zur Leistungssteigerung. Sie messen die „externe Last“ (wie weit und wie schnell Sie gelaufen sind) und versuchen über Algorithmen, die „interne Last“ (wie Ihr Körper darauf reagiert) abzuschätzen. Funktionen wie der „Training Load“ bei Garmin oder der „Trainingszustand“ bei Polar geben Empfehlungen, ob Sie für die nächste Einheit bereit sind. Diese Tools können helfen, eine schleichende Überlastung frühzeitig zu erkennen.

Sie visualisieren Ihre Belastungs- und Erholungsbalance und können Sie davor warnen, zu schnell zu viel zu wollen. Gerade für Einsteiger bieten Plattformen wie Strava mit der „Fitness/Frische“-Metrik einen einfachen Überblick. Fortgeschrittene Amateure, die ihr Training sehr detailliert analysieren wollen, finden in TrainingPeaks mit den Metriken CTL (Chronic Training Load) und ATL (Acute Training Load) ein extrem mächtiges Werkzeug zur Periodisierung. Diese digitalen Helfer nehmen Ihnen einen Teil der Analysearbeit ab und helfen, die komplexen Zusammenhänge von Belastung und Anpassung besser zu verstehen.

Doch bei aller Begeisterung für die Technik ist eine Warnung entscheidend. Kein Algorithmus kann den beruflichen Stress nach einem harten Meeting, den schlechten Schlaf wegen eines kranken Kindes oder die mentale Erschöpfung nach einer Projekt-Deadline vollständig erfassen.

Die Uhr misst die ‚externe Last‘ (was Sie getan haben), aber nur bedingt die ‚interne Last‘ (wie Ihr Körper reagiert). Das ‚Körpergefühl‘ muss immer die letzte Instanz sein.

– Marathonfitness.de, Warnung vor blinder Technologie-Hörigkeit

Nutzen Sie die Daten als wertvollen Ratgeber, aber treffen Sie die endgültige Entscheidung immer selbst. Wenn die Uhr „bereit für Training“ anzeigt, Ihr Körper aber nach Pause schreit, dann hören Sie auf Ihren Körper. Die Kombination aus objektiven Daten und subjektivem Empfinden ist die Meisterschaft der intelligenten Selbststeuerung.

Um langfristig gesund und leistungsfähig zu bleiben, ist es entscheidend, die digitalen Werkzeuge klug zu nutzen. Die richtige Strategie zur Belastungssteuerung bewahrt Sie vor Verletzungen.

Ihre Reise zu einem intelligenteren, stärkeren und gesünderen Athleten beginnt nicht mit mehr, sondern mit bewussterem Training. Beginnen Sie noch heute damit, Ihre nächste Trainingswoche nicht nach ihrem Volumen, sondern nach ihren Prinzipien zu bewerten. Analysieren Sie, wo Sie aktive Erholung integrieren können, und hören Sie auf die Signale, die Ihnen Daten und Körpergefühl gemeinsam senden.

Häufige Fragen zur Herzfrequenzvariabilität

Was bedeutet eine hohe HRV?

Eine hohe HRV bedeutet, dass Ihr Körper flexibel auf Stress und Erholung reagieren kann und gut erholt ist. Es ist ein Zeichen für ein fittes und ausbalanciertes autonomes Nervensystem.

Wie messe ich meine HRV korrekt?

Die HRV wird idealerweise morgens direkt nach dem Aufwachen im Liegen, noch vor dem Aufstehen, mit einem EKG-genauen Brustgurt über einen Zeitraum von 1-5 Minuten gemessen. Konsistenz ist hierbei entscheidend.

Kann ich meine HRV verbessern?

Ja, durch Stressreduktion (z.B. Meditation), ausreichend qualitativen Schlaf, regelmässige Entspannung, eine ausgewogene Ernährung und vor allem durch polarisiertes Ausdauertraining lässt sich die HRV nachweislich verbessern.

Geschrieben von Thomas Weber, Diplom-Sportwissenschaftler und zertifizierter Triathlon-Coach (DTU) mit Schwerpunkt auf Ausdauerphysiologie und Trainingssteuerung. Betreut seit 12 Jahren Athleten von der Volksdistanz bis zum Ironman.